IG Wald miteinander

           

Das Balance Dorf

Wald AR im Jahr 2040


Liebe Enkelinnen und Enkel

Wie ich gehört habe, möchtet Ihr von Eurem greisen Grossvater gerne wissen, aus welchen Gründen ich nun schon seit Jahrzehnten in diesem kleinen Dorf gelebt habe und immer noch lebe. Nun, zwei von Euch sind selbst hier aufgewachsen, die anderen kennen Wald von regelmässigen Besuchen. Ihr wisst also schon einiges, aber selbstverständlich komme ich Eurem Wunsch, die Sicht eines alten Mannes kennenzulernen, gerne nach. Dabei trifft es sich gut, dass ausgerechnet das aktuelle Jahr, also 2040, jenen Zeithorizont bildete, an dem sich ein kleines Grüppchen von Einheimischen aus Wald orientierte, als es vor über zwanzig Jahren begann, sich Gedanken über die langfristige Zukunft unseres Dorfes zu machen. Da ich von Anfang an dabei war, kann ich jetzt im Rückblick beurteilen, was aus den damals entwickelten Ideen und Gedankenimpulsen geworden ist. Ich werde dies zunächst in einem generellen Überblick tun und später auf einzelne Aspekte eingehen. 

Das Balance-Dorf

Wenn ich die Attraktivität des heutigen Wald in einem einzigen Begriff beschreiben will, komme ich unweigerlich auf „Balance-Dorf“. Warum dem so ist, werde ich bald erläutern. Wichtig erscheint mir zunächst die Feststellung, dass das keineswegs immer so war. Im Jahr 2018, als die „IG Wald mitenand“ gegründet wurde, war eher das Gegenteil der Fall. In den Jahren davor war das Dorf gespalten. Es ging zum einen um die buchstäblich zentrale Frage, wie das Dorfzentrum neu gestaltet werden sollte. Und im Gefolge davon auch um die Besetzung des Amtes des Gemeindepräsidenten. Diese Fragen hatten die Einwohnerschaft in zwei ähnlich grosse Lager gespalten. Mehrere Volksabstimmungen gingen knapp bis sehr knapp aus. Und die beiden Lager schienen unversöhnlich.  Daraus hat Wald eine revolutionäre Lehre gezogen. Heute ist es so, dass ein Projekt mindestens 60% der Stimmen erzielen muss, um realisiert zu werden. Bei knapperen Mehrheiten muss es noch einmal überarbeitet werden. Und zwar so, dass die unterschiedlichen Interessen und Meinungen besser ausbalanciert sind. Nur dann, wenn ein Entscheid deutlich mehr ist als ein Zufallsentscheid, bleibt der dörfliche Frieden gewahrt, wird Spaltungstendenzen entgegengewirkt.  Wie aber war es Mitte der Zehnerjahre überhaupt zu dieser Spaltung gekommen? Die Frage zu klären schien wichtig, denn Wald war mit dieser Tendenz ja keineswegs allein, sondern nur ein winziger Spiegel für eine Entwicklung, die überall auf der Welt zu beobachten war. Allenthalben bildeten sich ähnlich grosse Lager, die einander in wesentlichen Fragen unversöhnlich gegenüberstanden. Meine Antwort auf die Gründe dieses Phänomens mag überraschend klingen, aber sie überzeugt mich im Rückblick mehr denn je: Es war eine Folge der Digitalisierung.  Heute leben wir im digitalen Zeitalter. Für Euch ist das eine Selbstverständlichkeit, Ihr kanntet nie etwas anderes. Damals steckte die Welt noch in den Anfängen der Digitalisierung. Und wie jede epochale Entwicklung lief auch diese nicht ohne etliche Kinderkrankheiten ab. Die meisten davon waren nicht zu übersehen, doch eine blieb weitgehend im Verborgenen: die Auswirkungen digitalen Denkens auf unser Weltbild, auf unsere Art, Phänomene wahrzunehmen und Probleme zu lösen. 

Für Euch ist es längst selbstverständlich, was „digital“ bedeutet: Grosse Datenmengen werden in winzige Informationspartikel aufgeteilt. Diese Partikel bestehen aus einer simplen Entscheidung: null oder eins. Dieser Entscheid ist zwingend, es gibt keine Zwischenlösung. Diese Informationspartikel lassen sich dann wieder zusammensetzen, zum Beispiel zu einem Bild. Per Kabel oder drahtlos lassen sich die digitalen winzigen Informationseinheiten überallhin in Echtzeit übermitteln und können am anderen Ende der Leitung wieder zum Gesamtbild zusammengefügt werden. Eine ebenso einfache wie geniale Idee, die unsere Welt verändert hat, im Grossen und Ganzen zum Positiven, wie ich schon damals glaubte. Das Problem lag woanders. Und zwar darin, dass man das digitale Modell der winzigen Informationspartikel auf alles übertragen hat: Wenn schon die Elementarteilchen jeder Information nur zwei Zustände kennen, dann gilt das auch für alle Informationen und Entscheidungen. Es gibt dann überall nur noch schwarz oder weiss, richtig oder falsch, gut oder böse. Und wer sich im Besitz der Wahrheit glaubt, muss die andere Seite bekämpfen.  Das ist, wie Ihr sicher längst gelernt habt, natürlich totaler Quatsch. Verlässt man die Welt der winzigen Informationspartikel, kommt man zwangsläufig bei komplexeren Phänomenen und Entscheidungen an, also im realen Leben. Und dort gibt es so gut wie nie Fragen, die sich mit einem klaren Ja oder Nein, mit simplem schwarz oder weiss, beantworten lassen. Das wirkliche Leben kennt viele Grautöne, und erfreulicherweise darüber hinaus ein grosses Spektrum an Farben.  Das ist auch in einer dörflichen Gemeinschaft so. Auch dort kommen zu viele Interessen und Meinungen zusammen, als dass man konkrete Fragen einfach so mit richtig oder falsch beantworten könnte. Hier kommt die Idee der Balance in Spiel: Nur, wenn es gelingt, die unterschiedlichen Positionen so auszubalancieren, dass alle einigermassen damit leben können, funktioniert diese Gemeinschaft.  Das mag für Euch selbstverständlich klingen, doch Wald musste es erst (wieder) lernen. Und das ist, wie ich beobachtet habe, im Laufe der letzten zwei Jahrzehnte ganz gut gelungen.

Analog und digital

Dabei geht es längst nicht mehr nur um die Balance zwischen unterschiedlichen dorfpolitischen Einstellungen. Nein, es geht auch um das Verhältnis zwischen scheinbar unvereinbaren gegensätzlichen Polen der grundsätzlichen Art. Dabei ist die erzielte Balance nicht starr zu verstehen. Ich rede vielmehr von einem Fliessgleichgewicht, das sich ständig neu austariert. Ein schönes Beispiel dafür ist gerade in unserem Dorf das Verhältnis zwischen analoger und digitaler Welt. Fast alle Wädlerinnen und Wädler gehören heute einem gut funktionierenden digitalen Netzwerk an. Also dem, was man vor rund zwei Jahrzehnten „Soziale Medien“ nannte, obwohl sie faktisch oft eher asoziale Medien waren, in denen es allzu häufig mehr um Spaltung, Abgrenzung, ja Hass ging als um die Verstärkung von Gemeinschaft. Im Dorfnetzwerk von Wald ist das heute anders. Dort geht es wirklich um den Austausch von Informationen und Meinungen, das heisst um die Verstärkung des sozialen Zusammenhalts mit allen zur Verfügung stehenden technischen Möglichkeiten. Nur ein Beispiel ist der Wohnungsmarkt. Wer etwa in einem Haus lebt, das zu gross oder zu unbequem geworden ist, findet heutzutage leicht einen Nachbesitzer oder Nachmieter und damit eine neue Bleibe, die den aktuellen Bedürfnissen besser angepasst ist. Recht oft kommt es dabei zu Tauschbeziehungen. Und die vielen oft leerstehenden Ferienhäuser sind dank des dörflichen Netzwerks heute viel besser durch temporäre Gäste ausgelastet als früher.

Doch neben diesen digitalen Kommunikationsformen gibt es zum Glück nach wie vor auch die guten alten analogen. Man trifft sich nach wie vor leibhaftig an öffentlichen Versammlungen, in temporären Arbeitsgruppen, in Vereinen oder an regelmässig wiederkehrenden Veranstaltungen. Und nicht zu unterschätzen: Es gibt ein analoges Soziales Medium. Beim Einkaufen oder einfach, wenn man durch das Dorf oder dessen Umgebung spaziert, plaudert man mit anderen, die auch gerade zufällig unterwegs sind, und tauscht sich mit ihnen aus, ohne dass dadurch tieferreichende Verpflichtungen entstünden. Für mich sind solche persönlichen Plaudereien nach wie vor mehr wert als der „Austausch“ zwischen eigentlich Fremden in digitalen Netzwerken, der sich auf das Anklicken von „gefällt mir“ oder „gefällt mir nicht“ beschränkt. Oder nehmen wir das Einkaufen. Gerade für mich als alten Mann ist es natürlich sehr schön, dass ich mehr Artikel denn je über das Internet bestellen kann, die mir dann an die Haustür geliefert werden. Und doch schätze ich es sehr, dass es in Wald nach wie vor eine reale Einkaufsmöglichkeit gibt, wo ich die Produkte sehen und riechen kann, und wo es immer die Möglichkeit eines kleinen Schwatzes gibt. Mal ganz abgesehen davon, dass ich mir meine Haare noch immer nicht digital schneiden lassen kann. Mir scheint, auf diesem Gebiet hat Wald eine gute Balance zwischen analog und digital gefunden.  Das gilt auch für eine andere Errungenschaft unseres Dorfes, nämlich den „coworking space“ im neuen Gemeindehaus. Für meine Generation galt noch lange: Für die Arbeit fährt man in ein zentrales Bürogebäude. Mittlerweile hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass das für viele Arbeiten, vor allem für jene, die man am Computer macht, längst nicht mehr gilt. Man kann diese Arbeiten auch dezentral durchführen, das heisst überall, zum Beispiel zuhause. Das bedeutet, dass man seinen Wohnort nicht mehr danach aussuchen muss, ob er in günstiger Pendeldistanz zu einer Firma liegt, sondern danach wählen kann, wo einem die beste Lebensqualität geboten wird.

Diese Erkenntnis hat Wald zu einigen interessanten Neuzuzügern verholfen.  Andererseits lieben es längst nicht alle Menschen, zuhause ganz alleine vor sich hin zu werkeln. Sie wollen Kontakt zu anderen Menschen, lieben es, sich im Austausch neue Impulse zu holen, oder wollen auch ganz einfach die beste Kaffeemaschine teilen. Um diese Bedürfnisse zu befriedigen, wurden die sogenannten „coworking spaces“ geschaffen, zunächst vor allem in Städten, doch längst auch zunehmend auf dem Lande. In diesen geteilten Büroräumen können Angestellte verschiedener Firmen oder Selbständige arbeiten, wann sie wollen. Dort können sie sich die jeweils beste Technik wie etwa schnellste Internetverbindung oder 3D-Drucker teilen und sich mit anderen austauschen. In dieser Beziehung erlebte Wald einen Glücksfall: Als es vor zwanzig Jahren endlich gelang, den „Spar“-Laden in ein Nebengebäude auszulagern, wurde das alte „SparGebäude frei und konnte in alter Schönheit zum neuen Gemeindehaus umgebaut werden, das die marode gewordenen Arbeitsplätze im alten Gemeindehaus ersetzte. Barrierefrei konnte die ganze Gemeindeverwaltung ebenerdig untergebracht werden. Doch die Entwicklung blieb nicht stehen. Wie überall wurden routinemässige Verwaltungsabläufe mehr und mehr digitalisiert, durch Künstliche Intelligenz und so. Zudem gab es immer mehr Zusammenschlüsse einzelner Verwaltungseinheiten mit umliegenden Gemeinden. Beides zusammen führte dazu, dass die Gemeindeverwaltung von Wald noch weniger Personal brauchte. Und damit auch weniger Arbeitsplätze.  Deshalb wurde beschlossen, die frei gewordenen Arbeitsräume im Gemeindehaus für einen „coworking space“ zu nutzen. Nachdem auch noch eine kleine Cafeteria eingerichtet werden konnte, entwickelte sich dieser Ort zu einem beliebten Treffpunkt, nicht nur von Menschen, die dort temporär arbeiten wollten, sondern auch für die übrigen Dorfbewohner, die wussten, dass man dort immer eine gute Chance hatte, auf interessante Menschen zu treffen. Und das erst noch neben einem nach wie vor beliebten Einkaufsort. So wurde das Dorfzentrum ganz ohne spektakuläre bauliche Massnahmen seinem ursprünglichen Zweck, als Ort der Begegnung zu dienen, zugeführt. Und zu einem schönen Beispiel für die Balance zwischen analoger und digitaler Welt. 

Fliessgleichgewicht als Motto

Nicht immer geht es in einer Balance-Gemeinde wie Wald nur um den Ausgleich zwischen zwei Polen, wie etwa den gerade beschrieben Polen analog und digital. Oft gilt es auch, ein Fliessgleichgewicht zwischen mehreren Anspruchsgruppen zu finden. Zum Beispiel zwischen verschieden Altersgruppen. Oder zwischen Gruppen, die sich gerade in einer ähnlichen Lebenssituation befinden.  Für mich ist Wald heute auch deswegen attraktiv, weil hier verschiedene derartige Gruppen friedlich neben- und  miteinanderleben. Da gibt es die Familien mit kleineren Kindern, die hier für ihre ersten Lebensjahre ideale Bedingungen finden. Es gibt Menschen im aktiven Alter, die in Wald gerne arbeiten, als Solisten oder in kleinen Gruppen. Sie sind vorwiegend in kreativen Bereichen tätig, wobei sich kreative Tätigkeiten längst nicht mehr auf klassische Felder wie die Kunst beschränken. Kreativität ist in vielen Berufsfeldern wichtig, gerade auch in solchen, die sich überhaupt erst in den letzten Jahren entwickelt haben. Solche Tätigkeiten erfordern oft einen gelegentlichen Einsatz vor Ort, doch wesentliche Teile finden zuhause statt, und da ist es wichtig, in einer die Kreativität fördernden Umgebung arbeiten zu können. Dieser Wirtschaftssektor hat sich in Wald erfreulich entwickelt, wenngleich es natürlich nach wie vor die klassischen Tätigkeiten gibt, für die es in Wald nur zum Teil Arbeitsplätze gibt, weshalb auch die klassischen Pendlerinnen und Pendler nach wie vor existieren.  Und dazu kommt natürlich die wachsende Gruppe, zu der auch ich gehöre, also die Alten. Auch sie gehören zu einer Dorfgemeinschaft. Und sie kommen oder sie bleiben, wenn sie hier eingebettet sind in ein soziales Netz, und wenn sie hier die Dienstleistungen bekommen, die ihr Leben leichter machen.  Natürlich lassen sich die Bedürfnisse und Erwartungen dieser unterschiedlichen Anspruchsgruppen nicht immer ganz einfach unter einen Hut bringen. In Wald ist das nur gelungen, weil frühzeitig erkannt wurde, dass das Fliessgleichgewicht zwischen diesen Gruppen entscheidend zur Lebensqualität im Dorf beiträgt. Und weil dafür originelle Einrichtungen wie etwa die „Ersatzgrosselternbörse“ geschaffen wurden, die den Kontakt zwischen den Generationen gefördert haben.

Alle diese Errungenschaften wurden nur möglich, weil es dafür in Wald eine solide Grundlage gab. Ich nenne sie die örtliche Lebensqualität. Weil diese so wichtig ist, werde ich in meinem nächsten Brief vertieft darauf eingehen.   

Meine Lebensqualität

Wald AR im Jahr 2040 (zweiter Brief) 

Liebe Enkelinnen und Enkel

In einem früheren Leben habe ich mich einige Jahre lang intensiv mit dem Thema Lebensqualität beschäftigt. Eine der Lehren, die ich daraus gezogen habe, lautet: Lebensqualität ist subjektiv. Sie hängt entscheidend von den individuellen Erwartungen an das eigene Leben ab. Und eine zweite, in unserem Zusammenhang wichtige Erkenntnis war, dass Lebensqualität sehr wohl etwas mit dem Ort zu tun hat, an dem man hauptsächlich lebt. Im Jahre 2009, also jetzt vor über dreissig Jahren, habe ich unter den Einwohnerinnen und Einwohnern unseres Dorfes eine kleine Umfrage mit dem Thema „Lebensqualität in Wald“ durchgeführt. Ergebnis: Die Lebensqualität wird als hoch eingestuft. Nun hat sich in dieser langen Zeit sicher einiges verändert, aber vieles ist auch gleich geblieben. Meiner damaligen Erkenntnis folgend, versuche ich hier, aus meiner subjektiven Warte zu schildern, was für mich Lebensqualität in Wald bedeutet.  Ich schaue aus dem Fenster. Hoch oben am Himmel kreist majestätisch ein MilanPaar. Das sind sicher nicht mehr dieselben Vögel, denen ich schon vor zwanzig Jahren nachgeschaut habe, aber das, was sie für mich symbolisieren, ist gleich geblieben. Sie verkörpern Weite und Freiheit.  Beides können hier auch Geschöpfe erleben, die ohne Flügel geboren sind. Heute wird der Eindruck von Weite dadurch besonders unterstrichen, dass über dem Unterland eine Hochnebeldecke liegt. Sie schwappt auf und ab, bietet aber einen phantastischen Blick auf die Hügel, die wie Inseln oder Kontinente aus ihr emporragen.  Damit haben wir schon einen für mich buchstäblich herausragenden Vorteil von Wald: die Höhenlage. Von oben sieht man vieles einfach besser. Hier wird Weitblick und Überblick geboten. Das bedeutet nicht, dass ich die Welt weiter unten von oben herab, also mit Überheblichkeit, betrachte. Ich kann sie einfach in grösseren Zusammenhängen wahrnehmen. Und damit diese Betrachtungsweise nicht abhebt, erheben sich im Süden die Berge des Alpsteins und der Voralberger Alpen, die meinem weitschweifendem Blick ganz natürliche Grenzen setzen. Sie bilden in dieser Richtung einen eindrücklichen Horizont, auch weil sie weder zu nah noch zu fern sind. Wobei das variabel ist: Bei einer ausgeprägten Föhnlage rückt der Säntis schon ganz schön nahe...

Überhaupt das Wetter. Es sorgt mit seinem Abwechslungsreichtum dafür, dass der Blick hinaus nie langweilig wird. Sicher, die Höhenlage fordert ihren Preis in der Form, dass das Klima hierzulande rauer ist als in milderen Gegenden. Doch erstens gewöhnt man sich daran, und zweitens hat der Klimawandel dafür gesorgt, dass es auch tausend Meter über Meer wärmer geworden ist. Ja, an manchen Südhanglagen von Wald wachsen bereits Weintrauben, die einen weiteren Schritt in Richtung örtliche Selbstversorgung ermöglichen. Die Nähe zur Natur ist für mich ein zentraler Pluspunkt meiner Lebensqualität in Wald. Natürlich handelt es sich um eine vom Menschen gestaltete Natur, wir leben hier nicht in der Wildnis. Wobei: Wenn ich in früheren Jahren behände jene steilen Hänge zu den Bachtobeln in der Gegend hinuntergeklettert bin, die unsere Vorfahren nicht gerodet haben, weil sich daraus keine sinnvollen Weideflächen ergeben hätten, hatte ich durchaus das Gefühl, mich in einer urwüchsigen Wildnis zu bewegen. Doch man kann sich auch bequemer bewegen, wenn man in Wald den Wald erleben will. Was Leib und Seele ganz einfach gut tut, wie ich hier schon lange, bevor aus Japan die Kunde der wohltuenden Wirkung von Waldbaden herüberdrang, erfahren habe. Und wenn man vor lauter Wald die Bäume nicht mehr sieht, stehen überall in der Landschaft solitäre Bäume herum, die zur Verehrung dieser staunenswerten Geschöpfe einladen.  Die Landschaft um mich herum hat auf mich eine weitere subtile Wirkung. Ich bin, nicht zuletzt aus eigener Erfahrung, überzeugt davon, dass die Landschaft die Wahrnehmung und das Denken der in ihr lebenden Menschen prägt. In den Städten finde ich jenes digitale Denken, von dem ich im letzten Brief gesprochen habe. Es gibt fast nur Ebenen in Form von Strassen und Senkrechten in Form von Häusern.

Ganz anders hier, wo es kaum ebene Flächen und mit Ausnahme der fernen Berge auch keine hoch hinausragenden Senkrechten gibt. Stattdessen alle Formen von Schrägen, von gewellten Hügeln, die ziemlich chaotisch von tiefen Tobeln durchschnitten werden. Mir hilft die Betrachtung dieser Landschaft dabei, nicht in die Falle eines schroffen „entweder – oder“ zu geraten.  Natürlich gibt es auch hier senkrechte Linien in Form von Häusern, im Dorfkern sogar von ganzen Häuserzeilen. Doch die meisten Häuser stehen verstreut in der Landschaft und sind dort nicht dominant, sondern ein zwar nicht unbedeutender, aber letztlich doch winziger Bestandteil der selbigen. Ich finde das ästhetisch sehr befriedigend. Was wiederum erheblich zu meiner körperlichen, geistigen und seelischen Gesundheit beiträgt. So wie die hierzulande doch einigermassen gute Luft und die Ruhe, die hier herrscht. Sicher, auch auf dem Land ist es nicht immer still, es gibt den Lärm von landwirtschaftlichen Maschinen und von Kuhglocken, wobei zum Glück nicht alle dieses Geräusch als Lärm empfinden. Aber verglichen mit der Lärmplage, denen viele Städter ausgesetzt sind, ist es in Wald zweifellos ruhiger. Auch im übertragenen Sinne. Das Lebenstempo ist alles in allem immer noch gemächlicher als in der Stadt, Stress durch Hetze wenig verbreitet. Und da es in meinem Dorf auch keinen Dichtestress gibt, kann ich mit Fug und Recht von einer gesunden Umgebung sprechen, die Wald bietet.  Apropos Dichtestress: Wald ist mit seinen heute ziemlich genau tausend Einwohnern zweifellos nach wie vor ein kleines Dorf. Mancher Grossstädter würde wohl verächtlich von einem Kaff sprechen. Und dabei übersehen, dass Kleinheit auch ihre Vorzüge hat. Die soziale Gemeinschaft in einem kleinen Dorf ist ganz einfach übersichtlicher und damit überschaubarer als jene einer grossen Stadt.  Ein Beispiel: Nehmen wir mal an, dass der Prozentsatz an spannenden und interessante Leuten, die man gerne kennenlernen würde, überall etwa gleich hoch ist, dann gibt es in einer Stadt zweifellos mehr solcher potenzieller Kontakte als in einem kleinen Dorf wie Wald. Dafür ist umgekehrt die Chance, diese Leute tatsächlich kennenzulernen, im Dorf unvergleichlich grösser. Schliesslich sind die in Frage kommenden schnell mal durchgecheckt. Ich konnte und kann mich jedenfalls nicht über einen Mangel an spannenden Mitbewohnerinnen und Mitbewohnern von Wald beklagen. Und diese Menschen produzieren nach wie vor ein erstaunliches Mass an Kultur. Nicht zu vergleichen selbstverständlich mit dem kulturellen Angebot einer Stadt, das aber oft so unübersichtlich ist, dass man gar nicht mehr weiss, wohin man gehen soll und deshalb gleich zu Hause bleibt. Hier ist das Angebot überschaubar und entspricht deshalb menschlichem Mass.  Auch wenn ich mich wiederhole: Die Lebensqualität, die ich in Wald empfinde, ist ein Ausdruck meiner subjektiven Kriterien und Massstäbe.

Ich bin mir wohl bewusst, dass es Stadtmäuse und Landmäuse gibt. Wahrscheinlich werden wir zum Teil schon als solche geboren, und die Prägungen in Kindheit und Jugend tragen dazu bei, wo wir uns wohler fühlen. Das Schöne an unserer Zeit ist es, dass wir uns frei entscheiden können, wo wir leben wollen. Wir müssen nicht mehr in einer Stadt sein, um an Wissen heranzukommen, dieses ist online überall abrufbar. Was dazu geführt hat, dass in Wald in letzter Zeit etliche Neuzuzüger dazugekommen sind, die sich beruflich hauptsächlich mit Information oder Wissen beschäftigen.  Ein für mich wichtiger Aspekt dieser Wahlfreiheit ist es, dass sich Stadt und Land auch sonst in vielerlei Hinsicht angeglichen haben. Früher hiess es, dass Stadtluft frei mache, weil man in der Stadt der erdrückenden sozialen Kontrolle entkomme, die in Dörfern tatsächlich lange existiert hat. Heute kann ich mich auch in einem Dorf wie Wald frei für eine zu mir passende Lebensweise entscheiden. Ich kann ein sehr zurückgezogenes Leben führen oder mich voll in die Dorfgemeinschaft integrieren – oder eine mir entsprechende Mischung daraus wählen, weil hier bei den meisten Menschen ein freier Geist im Sinne von Offenheit und Toleranz anzutreffen ist. Wenn mich also jemand fragt, ob Wald zu meiner Heimat geworden ist, obwohl ich nicht hier aufgewachsen bin, antworte ich, ohne zu zögern, mit Ja. Ich empfinde hier Heimat im Sinne von Vertrautheit, mit der Landschaft, mit den Wegen, mit den Häusern und natürlich vor allem auch mit den Menschen. Übrigens nicht mit der Sprache. In Wald leben Menschen, die alle Ausprägungen von Schweizer- oder Hochdeutsch sprechen. Was ich als Bereicherung empfinde. Meiner Antwort auf die obige Frage füge ich allerdings immer ein entschiedenes „auch“ hinzu. Wald ist auch meine Heimat. Wenngleich nicht die einzige. Ich kenne wegen meiner Liebsten, die dort lebt, die Stadt München ganz gut, sie ist so etwas wie meine zweite Heimat geworden. Heimisch fühle ich mich auch auf Kreta, meiner Lieblingsinsel. Und wenn ich nach Schaffhausen fahre, wo ich aufgewachsen bin, empfinde ich selbstverständlich auch heimatliche Gefühle. Mal ganz abgesehen davon, dass ich mich in der ganzen Schweiz zuhause fühle, und darüber hinaus auch ganz Europa als meine Heimat erlebe.  Nein, mir kann niemand vorschreiben, nur einen einzigen begrenzten Ort als Heimat zu empfinden. Das wäre ja schon wieder Ausdruck des bei mir so verpönten digitalen Denkens in sich ausschliessenden Polen. Was nicht dagegen spricht, dass ich diese Empfindung hier in Wald besonders ausgeprägt spüre. Ich habe hier Wurzeln geschlagen und erlebe dieses Dorf als Basislager, von dem aus ich gerne hinaus in die Welt aufbreche, und zu dem ich immer wieder gerne zurückkehre. Beides zu haben, sowohl das vertraute Basislager Wald als auch die Möglichkeit, von hier aus jederzeit zur Erkundung anderer Gegenden aufbrechen zu können, bedeutet für mich ebenfalls Lebensqualität. Mir fällt auf, dass ich mich so oder ähnlich schon vor zwanzig oder dreissig Jahren geäussert habe. Was bedeutet, dass bei allem Wandel, der sich auch hier ereignet hat, der Markenkern von Wald über die Jahrzehnte hinweg unverändert geblieben ist. Es gibt eben tatsächlich im Leben von Individuen und von Gemeinschaften beides, Wandel und Konstanz. Und das ist gut so.

Andreas Giger*

*Andreas Giger ist ein in Wald wohnhafter Visionär, Philosoph und Schriftsteller. Er ist Mitglied der IG Wald miteinander

 

Kommentare   

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